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Gleichgeschaltet – Anweisung von oben und Initiative von unten

Hansjörg Noe stellt sein Buch über Maulburg im Nationalsozialismus vor

Maulburg (hf). Hansjörg Noe hat sich mit seinen Büchern, Broschüren und Vorträgen über Gemeinden im Wiesental zur Zeit des Nationalsozialismus verdient gemacht. Am vergangenen Freitag stellte er im Rathaussaal seine letzte Publikation „Gleichgeschaltet – Maulburg im Nationalsozialismus und die Rolle von Hermann Burte im Dritten Reich“ der Öffentlichkeit vor. Nach zwei Jahren intensiver Recherche, vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und der Auswertung amtlicher wie privater Archive liegt ein Werk vor, das anschaulich und mitunter erschreckend deutlich macht, wie „ein Dorf wie jedes andere“ sich gleichschalten ließ und seinen Anteil am Unrecht hatte. „Dem Druck der Anweisung von oben kam die Eigen-Initiative von unten entgegen“, betonte Hansjörg Noe, „nur so war Gleichschaltung letztendlich möglich.“

Hansjörg Noe begann seinen Vortrag mit einer Gedenkminute für die Opfer des Anschlags von Nizza. Zur Faktenlage in Maulburg führte er aus, dass im Gemeindearchiv deutlich weniger Akten vorhanden sind als zum Beispiel in Steinen. Es lägen aber keinerlei Hinweise vor, dass Unterlagen bewusst entfernt oder vernichtet wurden. „Glaubwürdiger erscheint die Darstellung, dass durch ein Hochwasser im Dorf, bei dem das Gemeindearchiv unter Wasser gesetzt wurde, viele Unterlagen vernichtet wurden“, so der Autor. Sein Material habe er aus amtlichen Archiven den Ausgaben des Markgräfler Tagblattes von 1920 bis 1944 und Privatarchiven zusammengetragen. Er habe in Maulburg von kommunaler wie auch von privater Seite viel Unterstützung erfahren, berichtete Hansjörg Noe und dankte ganz besonders Frieder Dreher und den vielen Zeitzeugen, die sich für Interviews zur Verfügung gestellt hatten.

„Steinen hat sich 30 Jahre gequält, bis es sich seiner Vergangenheit gestellt hat“, erklärte Hansjörg Noe. „Im Nationalsozialismus war Steinen ein Musterort, ein Täterdorf“, betonte er. „Maulburg war ein Dorf wie jedes andere.“ Trotzdem war auch Maulburg – ohne jeden erkennbaren Druck von außen – im Juli 1933 „gleichgeschaltet“. Zwar gab es in Maulburg eigene Besonderheiten. Das Dorf war im 20. Jahrhundert gespalten in ein Außerdorf,  in dem vorwiegend Arbeiter lebten, und ein Innerdorf mit bürgerlicher Bevölkerung. In einer detailreichen Dokumentation behandelt Hansjörg Noe, wie schon früh in den 1930er Jahren der Einfluss der NSdAP sich im Vereinsleben, in der Erziehung der Kinder, in der Kirche und bei den Feiern im Jahreslauf immer stärker bemerkbar machte, bis er bestimmend wurde.

Im zweiten Teil seines Buches geht Hansjörg Noe auf Hermann Strübe ein, der sich später Hermann Burte nannte. Die neue Namensgebung scheint zum ersten Mal im Roman „Der blonde Teufel“ von 1905 auf, in dem Strübe den Helden als „Heinrich Burte, gleich bedeutend als Maler, Dichter, Architekt und Politiker“ beschreibt. Fortan führt er den Namen Hermann Burte. Ohne zu urteilen, stellt Hansjörg Noe den in Maulburg geborenen Schriftsteller anhand vieler Zitate und Belegstellen vor, beschreibt seinen Einfluss, und auch wie er von Städten und Gemeinden geehrt und verehrt wurde.

Hansjörg Noe ging in seinem Vortrag auch auf die Frage ein, die hier und da geäußert worden war, ob mit der NS-Thematik nicht endlich einmal Schluss sein könne. In seinem Buch zeigt er ein Foto vom Maiumzug 1938 in Maulburg. Auf dem Schlusswagen des Umzugs wird ein Galgen gezeigt, an dem Strohpuppen hingen, die die sechs Neinwähler von Maulburg bei der Wahl zum Anschluss Österreichs darstellen sollten. Hansjörg Noe erinnerte an eine Pegida-Demonstration, auf der im Oktober 2015 die Namen von Angela Merkel und Siegmar Gabriel an Galgen gezeigt wurden. „Galgen wie 1938 in Maulburg. So lange solche Dinge möglich sind, so lange der baden-württembergische Landtag ein Gutachten braucht, um festzulegen, was Antisemitismus ist, darf mit der Auseinandersetzung über die deutsche Vergangenheit nicht Schluss sein“, erklärte Hansjörg Noe mit Nachdruck.

Das Buch von Hansjörg Noe: „Gleichgeschaltet – Maulburg im Nationalsozialismus und die Rolle von Hermann Burte im Dritten Reich“ hat 447 Seiten und ist im Verlag Waldemar Lutz erschienen (ISBN 978-3-922107-09-5) und kostet 19,80 Euro.

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